BAG Wohnungslosenhilfe appelliert: Aktiv werden, bevor der erste Wohnungslose auf der Straße erfriert!

Bielefeld, 25. 11. 2010. Nach Kenntnis der BAG Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG W), des Dachverbandes der Wohnungslosenhilfe in Deutschland, sind im letzten Winter mindestens siebzehn wohnungslose Männer erfroren. Sie erfroren im Freien, unter Brücken, auf Parkbänken, in Hauseingängen, Abrisshäusern, in scheinbar sicheren Gartenlauben und sonstigen Unterständen. Seit dem Winter 1996 / 97 hatte es nicht mehr so viele erfrorene Wohnungslose in Deutschland gegeben: Damals waren es mindestens 25 Tote.

Da es in Deutschland keine Statistik zur Wohnungslosigkeit gibt, muss die BAG W die Zahl der Wohnungslosen schätzen. Die BAG W geht davon aus, dass die Zahlen seit 2008 um jährlich 5 bis 7 % gestiegen sind auf inzwischen ca. 250.000 bis 255.000 Menschen. Dazu kommen noch ca. 120.000 Menschen, die vom Verlust ihrer Wohnung durch Mietschulden, Räumungsklagen etc. bedroht sind.

„In diesem Winter werden also mehr Wohnungslose auf den Straßen sein als zuvor. Deswegen müssen die Kommunen verstärkt prüfen, ob die getroffenen Vorkehrungen ausreichend sind. Dies betrifft nicht nur Anzahl und Qualität der Notübernachtungsplätze. Benötigt werden u. a. großzügig geöffnete Tagesaufenthalte, Streetwork und alle weiteren Formen aufsuchender Hilfeangebote. Bürger müssen aufmerksamer denn je sein, damit niemand durch das Hilfenetz fallen kann“, erklärte Thomas Specht, der Geschäftsführer der BAG W in Bielefeld.

In den letzten Jahren hatte es – im Verhältnis zur geschätzten Gesamtzahl der Wohnungslosen – überproportional viele Kälteopfer in Klein- und Mittelstädten gegeben, aber im letzen Winter waren auch zehn Männer in den Großstädten Berlin, Mannheim, Ulm, Wuppertal, Hamburg, Münster und München erfroren.

Noch immer, so Thomas Specht, sei das Hilfeangebot in vielen Kommunen unzureichend. Oft werde überhaupt kein Hilfeangebot vorgehalten oder der Aufenthalt im Obdachlosenasyl werde rechtswidrig befristet. Es sei den Kommunen bekannt, dass Betroffene sich weigerten, Quartiere mit großen Mehrbettzimmern aufzusuchen, weil sie Angst vor Diebstahl, Gewalt und Schmutz hätten. Wohnungslose blieben in der Kälte, wenn sie ihren Hund nicht mit unterbringen könnten. Es gebe auch zu wenige Unterbringungsmöglichkeiten für Paare.

„Wenn Nachtasyle und Notunterbringungen auch bei Minustemperaturen leerstehen, ist dies kein Zeichen mangelnden Bedarfs, sondern ein Armutszeugnis. In den Kommunen und auch in manchen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe muss der Wunsch der Betroffenen nach einem Mindestmaß an Privatheit und Individualität, der Wunsch nach Sicherheit und Selbstbestimmung ernst genommen werden“, erklärte Thomas Specht.

Die BAG Wohnungslosenhilfe e.V. bekräftigt deswegen ihre Appelle und Forderungen an die Kommunen:

  • Keine menschenunwürdigen Asyle, sondern Ermöglichung eines Mindestmaßes an Privatsphäre und Selbstbestimmung
  • Dezentrale Unterbringungsmöglichkeiten für kleinere Gruppen von Wohnungslosen (auch mit Hunden)
  • Schutz und Sicherheit vor Diebstahl und Gewalt
  • Für wohnungslose Frauen muss es die Möglichkeit einer separaten und sicheren Unterbringung geben
  • Großzügige Öffnungszeiten der Unterkünfte (auch tagsüber und nachts)
  • Keine Befristung des Aufenthaltes auf wenige Tage pro Monat
  • Notrufnummern, damit Bürger gefährdete Menschen melden können
  • Öffnung von U-Bahnstationen, Bahnhöfen und anderen geeigneten öffentlichen Gebäuden
  • Ausreichend viele niedrigschwellige Tagesaufenthalte
  • Streetwork und andere Formen aufsuchender Arbeit aus- oder aufbauen
PRM_2010_11_25_Kaeltehilfe.pdf